
{"title":"<p>Die Zumutung des Zuhörens als Resilienz-Tool:<br />\nAufnahmefunktion an!</p>","metaTitle":"Die Zumutung des Zuhörens als Resilienz-Tool: Aufnahmefunktion an! – Toolkit","text":"<p>Eine Lichtquelle schwebt durch die Nacht. Getragen von wechselnden Personen – einer Prozession stiller Zuhörer*innen. Sie tragen das kleine, wie eine Öllampe geformte Nachtlicht eine knarzende Treppe hinunter und über Rasenflächen hinweg, die den Klang der Schritte mit erdigem, dumpfem Schall zurückgeben.</p><p>Plötzlich: Ein Geräusch bringt Veränderung in die Entourage des Leuchtobjektes. Gemessenen Schrittes bewegt sich die Gruppe in der tiefen Dämmerung in Richtung einer eigentümlichen Versammlung: Ein Tannenbaum liegt in der Mitte eines Vorplatzes. An ihm wird gesägt. Holz und Metall treffen aufeinander; ein rhythmisches Geräusch. Er wird passend gemacht für einen Aufenthalt im Innenraum.</p><p>Die immer wiederkehrenden Sägegeräusche haben uns angelockt. Denn die Lampe ist mehr als nur eine Lampe. Sie ist auch ein kleiner Bluetooth-Lautsprecher – das warme, bescheidene Licht ist ergänzt durch leise Klänge. Wir haben die letzten Minuten – vor unserem Gang ins Freie – damit verbracht, Vogelstimmenaufnahmen auf einer Soundmap Berlins abzuspielen. Und wir haben darüber gesprochen, was Zuhören bedeutet. Und was es mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Das Takeaway: Viel. Denn um zu wissen, was wir verändern wollen und in welche Verantwortung wir uns eingebunden sehen, müssen wir erst einmal wahrnehmen, dass wir nicht alleine sind.</p><p>Und dann haben wir den Spieß umgedreht: Wir sind ins Freie getreten und haben die Lampe, eigentlich ein Abspielgerät, als imaginäres Mikrofon verwendet. Eines, das nie einen Klang aus dieser Nacht wiedergeben wird, denn wir sind völlig analog unterwegs.</p><div class=\"indented-text\"><p><strong>Zwei Scores, zwei Anregungen zur Bewegung, leiten uns:</strong></p></div><div class=\"centered-text\"><p>1</p></div><div class=\"indented-text\"><p>Folge Deinem Hören. Wege, Pfade, visuelle Markierungen sind gerade nicht mehr wesentlich. Wir beginnen mit einer Übung, bei der wir uns zunächst Geräuschen aus der unmittelbaren Nähe widmen. Dann solchen, die etwa 5 Meter entfernt sind. Und schließlich solchen, die sich gerade an der Schwelle des Wahrnehmbaren, weit entfernt, entfalten.</p></div><div class=\"centered-text\"><p>2</p></div><div class=\"indented-text\"><p>Und dann laufen wir los. Unser leuchtendes, imaginäres „Mikrofon“ ist dabei eine Geste, die uns im Raum orientiert. Unfallprävention, ja, aber vor allem ein Verweis darauf, dass das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, es verdient, inszeniert und vorurteilslos für einen Moment im Zentrum zu stehen. So trivial es auch sein mag. Ein Mikrofon kann alles sein: Unser Ohr, unsere Hand, die Zeitung, die Hundeleine. Es begleitet unseren Fluss der Aufmerksamkeit.</p></div><p>Resilienz kann radikale Akzeptanz dessen, was wir hören, bedeuten. An diesem Abend hören wir den Lärm der Straße und den Schall unserer Füße auf den unterschiedlichsten Bodenbelägen. Und begreifen anders als noch zuvor, für wen diese Stadt eigentlich gebaut wurde. Woran unsere Augen sich gewöhnt haben, die Allgegenwart von Asphalt, Versiegelung, Autos, das wirkt auf diesem neuen Kanal fast unglaubhaft und obszön.</p><p>Nach einigen Augenblicken des Laufens wird vielen von uns auch klar, dass wir selber Klangproduzent*innen sind. Fast immer sind wir Teil der Klanglandschaft, die uns umgibt. Auch diese Erkenntnis, das beständige, unvermeidbare Beteiligt sein, umfasst Aspekte von Resilienz. Erfahrene „Flâneusen“ durch unsere alltäglichen Klanglandschaften – wie etwa die Soundökologin und Komponistin Pauline Oliveros (verstorben 2016) – wissen, dass das Eintauchen in die Klanggewebe, die uns umgeben, mit zweierlei Arten der Aufmerksamkeit eingehen. Zum einen können wir die Klänge verbinden, trennen und mit ihnen spielen: Es handelt sich um eine fokussierte Aufmerksamkeit auf kleine Details, das Spezifische, Partikulare. Ein heruntergefallener Autoschlüssel. Ein Zaunkönig. Zum anderen geht es um eine offene, ungerichtete Aufmerksamkeit, welche die Gleichzeitigkeit von Klängen registriert.</p><p>Resilienz, hemdsärmelig als „Robustheit“ übersetzbar, kann auch bedeuten, genau diese Formen der Aufmerksamkeit zu kultivieren und zwischen ihnen zu wandeln. Denn: Viele von uns erleben zwar weniger ein Informations-, sondern ein Aufmerksamkeitsdefizit. Kluge und verantwortungsbewusste Entscheidungen sind aber an der Aufmerksamkeit für das Lebendige orientiert. Denn dann umschiffen sie auch ein Manko vieler Strategien zur Nachhaltigkeit: Wer bewusst zuhört, begreift das Ineinanderspielen von Spezies, Technik, Stadtplanung und Wetter, natur- und menschengemachten Rhythmen. Für die Menschenzentriertheit mancher Ansätze, die Nachhaltigkeit zwar als Weg zum guten Leben für die Enkelgeneration sieht, die Bedürfnisse anderer Lebewesen aber eher instrumentell betrachtet, dürfte das ein wichtiges Korrektiv sein: Klanglandschaften sind ein Spiel vieler Spieler*innen, Entscheidungen haben Folgen. Und Veränderungen können manchmal sehr schnell Verbesserung bringen. All dies kann uns das Zuhören lehren.</p><div class=\"indented-text\"><p><strong>Zum Abschied möchte ich ein erweitertes Tool anbieten: eine Mikrofonsammlung.</strong></p><p>Suche Dir sechs oder sieben tragbare Objekte zusammen und lege sie neben deine Wohnungstür. Sie alle können für etwas stehen, was du aufnehmen möchtest:</p></div><ul><li>eine alte Visitenkarte für Klänge von Kontakt und Begegnung.</li><li>Eine Feder für die zurückkehrenden Vögel.</li><li>Ein Apfel für Geräusche, die von runden Dingen gemacht werden.</li><li>Wer handlungsfähig sein möchte, muss aufmerksam sein – und das kann man lernen.</li></ul><div class=\"indented-text\"><p>Über die Autorin: <strong>Dr. phil. Susanne Schmitt</strong>,<strong> </strong>soziokulturelle Anthropologin, sensorische Ethnografin, interdisziplinäre Künstlerin und Moderatorin, ist Leiterin von STEAM-Projekten der Telekom-Stiftung – Science, Technology, Engineering, Arts, and Maths – insbesondere von Dawn Chorus Art &amp; Science. Schmitt konzentriert sich auf kreative Produktionen innerhalb und jenseits des Labels „Kunst trifft Wissenschaft“. Ihre Promotion war die erste deutsche sensorische Ethnographie-Monographie. Schmitt erstellt choreografische Audiowalks für Naturkundemuseen in aller Welt, Cocktails für Insekten in zerbrochenen Welten und ist Fellow am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit – Helmholtz-Zentrum Potsdam.</p></div>","author":"Susanne Schmitt","footnotes":"<div id=\"footnotes\" class=\"footnotes-container\">\n    <ol class=\"footnotes-list\">\n            </ol>\n</div>\n","category":"Essay","download":null,"slug":"die-zumutung-des-zuhorens-als-resilienz-tool-aufnahmefunktion-an","color":"#337eff","invertOnHover":false,"parent":"strategien-der-resilienz","likes":"1","alreadyLiked":false,"commentAndLikeSection":true,"comments":[]}