
{"title":"<p>Kunst im Zeitalter der technischen Generierbarkeit</p>","metaTitle":"Kunst im Zeitalter der technischen Generierbarkeit – Toolkit","text":"<div class=\"centered-text\"><p><em>Künstliche Intelligenz in der Kunst?</em></p></div><p>Die Kunstproduktion mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) lässt sich mit der Arbeit eines DJs oder einer Found-Footage-Filmkünstlerin vergleichen: Bestehende Werke werden gesampelt und neu zusammengesetzt. Dies geschieht jedoch viel feingliedriger und auf komplexere Weise als in einem DJ-Set oder einem Found-Footage-Film, einem Filmgenre, in dem die Handlung durch angeblich „gefundenes“ Filmmaterial erzählt wird.</p><p>Wir können uns das so vorstellen, als würden Millionen von Musikstücken in extrem kurze Musik-Samples aufgesplittet werden (<em>token</em>), um daraus wieder neue Tracks erschaffen zu können. Dazu verbindet die KI den thematischen menschlichen Input (<em>prompt</em>) mit dem Aufbau, den Melodien und der Atmosphäre von bestehenden Musikstücken, die dabei entstehenden Tracks sind ein Hybrid aus einer Kopie und neu geschaffenen Werken. Klassisches Urheberrecht kommt hier recht schnell an seine Grenzen. Stand Januar 2025 ist, dass reine KI Kunst keinem Urheberrecht unterliegt, da sie nicht von einer natürlichen Person (also known as <em>Mensch</em>) erschaffen wurde. Im musikalischen Kontext kann die KI-Musikproduktion – vereinfacht ausgedrückt – auch mit der Nutzung von <em>presets</em> in aktueller Musiksoftware verglichen werden.</p><div class=\"centered-text\"><p><em>Ist KI nicht einfach nur Mist?</em></p></div><p>Nein, es gibt auch positive Aspekte: Die handwerkliche Umsetzung tritt in den Hintergrund, während die Idee in den Mittelpunkt rückt. Das zugrundeliegende Konzept wird zum maßgeblichen Unterscheidungsmerkmal zwischen zwei KI-gestützten Kunstwerken.</p><p>Wir Menschen erhalten in diesem Prozess die Rolle von konzeptionellen Stichwortgeber*innen zugewiesen, während die finale Auswahl der Kunstwerke oft in einem endlosen <em>doom</em>-Scrolling durch unzählige automatisiert generierte Vorschläge endet.</p><p>Auch wenn es für die meisten Künstler*innen ungewohnt oder beängstigend ist, dass die Erschaffung eines Musikstücks oder einer Malerei innerhalb von Sekunden und ohne handwerkliches Vorwissen stattfinden kann, hat dies auch ein stark emanzipatorisches Element: Nicht mehr nur „ausgebildete“, „professionelle“ und „selbstbewusste“ Menschen können Kunst machen. Vielmehr können alle, die niemals Zugang zu einer Kunstpraxis oder zu einem Kunststudium hatten <em>–</em> sei es aufgrund ihrer Klasse, ihrer Biografie oder aufgrund dessen, dass sie es sich schlicht nicht zugetraut haben <em>–</em>, all diese Menschen können jetzt spielerisch ausprobieren, wie sich beispielsweise eine Malerei von einem Waschbär, der Skateboard fährt, und dabei eine Steuererklärung macht (<em>prompt</em>), anfühlt.</p><figure data-ratio=\"landscape\" class=\"landscape\">\n<div class=\"img-caption-wrapper\">\n    <img src=\"https://resilienz-toolkit.bbk-bildungswerk.de/media/pages/strategien-der-resilienz/kunst-im-zeitalter-der-technischen-generierbarkeit/3f79819856-1743491963/thumbnail-examples-2000x.png\" data-uncropped=\"https://resilienz-toolkit.bbk-bildungswerk.de/media/pages/strategien-der-resilienz/kunst-im-zeitalter-der-technischen-generierbarkeit/3f79819856-1743491963/thumbnail_examples.png\" alt=\"\" class=\"image-block half-width\">\n  \n    <figcaption>\n    Abb. 1: Malerei mit Darstellung eines Waschbärs, der Skateboard fährt, und dabei eine Steuererklärung macht (<em>prompt</em>). Fotonachweis: Martin Sulzer.  </figcaption>\n    </div>\n</figure>\n<p>Dieser niedrigschwellige Zugang zum Kunst-Machen führt wiederum zu einer Überschwemmung, Beliebigkeit und Austauschbarkeit von Werken, deren Betrachtung wir Menschen definitiv nicht mehr in Gänze leisten können. Wird also zukünftig nur noch eine KI diese Rolle übernehmen?</p><div class=\"centered-text\"><p><em>Die KI-Revolution rollt auf uns zu – wird es gut ausgehen?</em></p><p></p></div><p>Wohl kaum. Wie bei jeder industriellen Revolution werden die Tätigkeiten vieler Menschen nicht mehr benötigt und ihr jeweiliges Handwerk wird entwertet. Dies ist nicht nur in Hinsicht auf eine steigende Arbeitslosigkeit dramatisch, sondern meist auch persönlich höchst schmerzhaft: Gleichsam nebenbei werden ganze Lebenskonzepte und zentrale Interessen von Individuen überflüssig gemacht. Bis vor ein paar Jahren waren sich die meisten Menschen sicher, dass die Erschaffung von Musik und Malerei ebenso wie das Verfassen von komplexen Texten für immer dem Menschen vorbehalten sein werden –, nur um in letzter Zeit mit Schrecken dabei zuzusehen, wie diese – von uns gesetzten Grenzen – quasi wöchentlich eingerissen werden.</p><p>Demokratische Gesellschaften haben es nicht mal ansatzweise geschafft, die Erschütterungen durch Social Media zu verarbeiten. Wie sollen sie nun mit den extremen Umwälzungen durch Künstliche Intelligenz klarkommen? Social Media pusht per Design polemische Aussagen, die möglichst viel Aufregung und Verletzung erzeugen: Rassistische, antisemitische und sexistische Inhalte „funktionieren“ offensichtlich „sehr gut“ in diesem Medium und erhalten eine fast unbegrenzte Reichweite.</p><p>Wie ein kritischer Umgang mit Social Media – diesem neuen globalen „Leitmedium“, das Wahlen und öffentliche Debatten mitentscheidet – aussehen kann, muss wohl immer wieder neu interdisziplinär erforscht, ausgelotet und entwickelt werden. Die kommende KI-Welle wird die dysfunktionale Diskussionskultur und das künstliche Erregungspotential von Online-Debatten weiter verstärken. Wir erleben bereits jetzt automatisierte hyper-personalisierte Wahlbeeinflussung und werden wohl zukünftig in einer Notaufnahme im Krankenhaus mit einem Chatbot diskutieren, ob wir ein „echter“ Notfall sind oder nicht. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit systemischer / systematischer Diskriminierung durch versteckte KI-Systeme – sei es bei der Kreditvergabe, der Einreise in andere Länder inklusive Gesichts- und Fingerabdruckscans, in der Justiz und vielen weiteren Bereichen, würde den Rahmen dieses Textes sprengen.</p><div class=\"centered-text\"><p><em>Was tun?</em></p></div><p>Angesichts der oben geschilderten gesellschaftlich-technologischen Aussicht, des lokalen und globalen krassen Rechtsrucks sowie der Kürzungen im Berliner Kulturhaushalt stellt sich umso mehr die Frage, wie wir damit umgehen und was wir tun können. Statt zu versuchen, mehr Technik-Fragen zu Neuer Technologie zu beantworten oder pseudo-radikale Online-Manifeste zu verfassen, die maximal 24 h Online-Relevanz haben, hat sich im Rahmen der Veranstaltung „Unchained: KI, Krypto &amp; Kunst – Neue Ökonomien der Reproduzierbarkeit“ die Idee eines regelmäßigen Treffens vor Ort in Berlin entwickelt: Eine persönliche Anlaufstelle soll entstehen, in der sich interessierte bildende Künstler*innen bei technischen, künstlerischen und sozialen Überforderungen angesichts der neuen Realitäten gegenseitig unterstützen. Angelehnt an Konzepte von Hack Labs, Repair-Cafés und DIY und eingebunden in existierende Netzwerke wie die der Medienwerkstatt des kulturwerk des bbk berlin, ist somit ein unabhängiger und weitgehend selbstverwalteter Treffpunkt geplant.</p><div class=\"indented-text\"><p>Über den Autor: <strong>Martin Sulzer</strong> erschafft in seiner interdisziplinären künstlerischen Praxis künstliche Realitäten, die sich mit den Visionen und Erlösungsversprechen religiöser, kapitalistischer und technologischer Systeme auseinandersetzen. Den Zumutungen der kreativen Klasse, zu der er selbst gehört, setzt er Trash, Gegenkultur und Hacking entgegen – auf der Suche nach radikalen Ideen, die für viele zugänglich sind. Darüber hinaus gibt er Workshops für jugendliche Computernerds und ist als Forscher und Dozent an der Universität der Künste Berlin und am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut im Bereich immersiver Medien tätig. Seine Praxis reicht von Videoprojektionen und interaktiven Installationen bis hin zu öffentlichen Interventionen und Konzerten.</p><p>Am 17.03.2025 stellte <strong>Martin Sulzer</strong> seine Arbeit mit den oben beschriebenen Gedanken auf Einladung der medienwerkstatt des bbk berlin vor. Bei Interesse am zu gründenden „Art Hack Lab“ bitte unter dieser Adresse für den entsprechenden Newsletter eintragen: BerlinArtHackLab@proton.me</p></div>","author":"Martin Sulzer","footnotes":"<div id=\"footnotes\" class=\"footnotes-container\">\n    <ol class=\"footnotes-list\">\n            </ol>\n</div>\n","category":"Essay","download":null,"slug":"kunst-im-zeitalter-der-technischen-generierbarkeit","color":"#337eff","invertOnHover":false,"parent":"strategien-der-resilienz","likes":"2","alreadyLiked":false,"commentAndLikeSection":true,"comments":[]}